Ein Lieferant schickt Ihnen eine Tabelle mit Produktdaten. Eine Spalte heisst «Kapazität». Steht dort eine Zahl in Amperestunden oder in Kilowattstunden? Der Nennwert oder ein gemessener Wert? Die Tabelle sagt es nicht. Wer den Lieferanten kennt, weiss es aus dem Zusammenhang. Alle anderen raten.
Die Lösung ist ein Wörterbuch: eine Liste, in der steht, was «Kapazität» bedeutet, in welcher Einheit sie angegeben wird und welche Art von Wert erlaubt ist. Kann jeder dieses Wörterbuch öffnen, genügt ein Hinweis im Spaltenkopf: Kapazität nach Eintrag 4711. Kostet das Wörterbuch Geld oder ist es nicht öffentlich, nützt der Hinweis dem Empfänger nichts. Dann muss der Absender die Bedeutung in jede Zelle schreiben: welches Wörterbuch, welcher Eintrag, welche Einheit, welcher Typ, und erst dann der Wert.
Genau das ist der Kern von EN 18223, der Norm, die festlegt, wie Digitale Produktpässe ihre Bedeutung transportieren. Dieser Artikel erklärt, was die Norm von Ihren Daten verlangt, warum ihre ausgeschriebene Form so lang ist und warum sie für Transpareo-Kunden ein Ausgabeformat ist und kein Projekt.
Zwei Schreibweisen, ein Inhalt
EN 18223 ist die Norm des europäischen Normungsausschusses CEN/CLC JTC 24 zur Interoperabilität Digitaler Produktpässe. Sie beschreibt ein Datenmodell und zwei Arten, es aufzuschreiben.
Die komprimierte Form ist die Kurzschrift für den Betrieb. Jeder Wert steht unter seinem Kennzeichen, der elementId, und was dahintersteckt, schlägt der Leser im Wörterbuch nach. Drei Zeilen pro Wert.
Die erweiterte Form schreibt alles aus. Aus jedem Wert wird ein kleines Objekt mit Kennzeichen, Wörterbuchverweis, Objekttyp, Datentyp und dem Wert selbst. Aus drei Zeilen werden zwanzig.
Warum die lange Form so lang ist
Die Länge ist kein Versehen. Sie ist das, was aus Bedeutung wird, sobald man nicht davon ausgehen kann, dass der Leser sie nachschlagen kann.
Ein Produktpass trägt Bedeutung normalerweise über einen Link: Der Leser folgt ihm und sieht nach, was ein Feld heisst. Das funktioniert, solange der Link ins Offene führt.
Zwei der verbreitetsten Wörterbücher für industrielle Produktdaten, ECLASS und IEC CDD, sind kostenpflichtig. Ein Link auf sie ist für einen Leser ohne Lizenz wertlos. Also verlangt die erweiterte Form, dass die Bedeutung Wert für Wert im Dokument mitreist: welches Wörterbuch, welcher Eintrag, welcher Typ, welcher Wert. Das Dokument erklärt sich selbst, auch wenn niemand durchklicken kann.
So gelesen, ist die Länge eine vernünftige Antwort auf geschlossene Wörterbücher und kein Konstruktionsfehler.
Die Wörterbücher, auf denen Transpareo aufbaut, der OpenEPCIS DPP Core und seine Erweiterungen je Verordnung, sind offen unter ref.openepcis.io veröffentlicht. Jeder kann sie nachschlagen. Ein einziger Link trägt dort, was ein geschlossenes Wörterbuch ausschreiben muss.
Die Richtung entscheidet
Zurück zur Tabelle. Wer seine Spalten von Anfang an mit dem offenen Wörterbuch beschriftet hat, kann die ausgeschriebene Fassung jederzeit erzeugen: Bedeutung nachschlagen, neben den Wert schreiben, fertig. Wer die Bedeutung nur in einem geschlossenen Wörterbuch hat oder gar nicht, muss sie erst rekonstruieren. Das ist die teure Richtung.
Unsere Daten tragen bereits jedes Attribut, das das Modell von EN 18223 verlangt: einen Verweis auf die Eigenschaft, einen auf das Wörterbuch, den Datentyp, die Sprache jedes Werts. Sie stehen nur in unserer eigenen Anordnung, mit Links auf offene Wörterbücher, statt in der Anordnung der Norm.
Daraus die Form der Norm zu erzeugen, ist eine Formatierungsaufgabe: vorhandene Felder nehmen und in die Zielform bringen.
In einem Satz: Eine Quelle mit offenen Wörterbüchern macht aus jedem geschlossenen Wörterbuch eine Ansicht, die sie bei Bedarf erzeugt. Die Länge der Norm bezahlt nur, wer geschlossen angefangen hat.
Mehrere Wörterbücher nebeneinander
Dass unsere Daten diese Form haben, ist eine bewusste Entscheidung. Wir zwingen nicht jede Verordnung in ein einziges Vokabular.
Jede EU-DPP-Verordnung, ob Batterie, Textil, Elektronik oder die noch kommenden, behält ihr eigenes Wörterbuch: das von GS1, das des OpenEPCIS DPP Core, das der jeweiligen Verordnung. Alle liegen nebeneinander, ergänzt um ein bewusst kleines eigenes Wörterbuch für die wenigen Begriffe, die keines davon abdeckt.
EN 18223 wünscht sich in ihrer Einleitung fast genau das: kein einziges Wörterbuch für alle Branchen erzwingen, die Wörterbücher der einzelnen Rechtsakte nebeneinander zulassen, den gemeinsamen Teil so allgemein wie möglich halten. Eine Architektur auf offenen, parallelen Wörterbüchern ist also nicht nur mit der Norm vereinbar. Sie ist das, worauf die Norm selbst zeigt.
Ein Stresstest: die Attributliste des Battery Pass
Ob das trägt, zeigt sich an einem Wörterbuch, für das die Architektur nie gebaut wurde.
Die Data Attribute Long List des Battery Pass Consortium, Version 1.3, ist ein drittes Wörterbuch, das sowohl von EN 18223 als auch von GS1 abweicht: rund 100 Attribute, eigene Namen, eigene Zugriffsstufen, die Lesart eines Konsortiums von Anhang XIII der Batterieverordnung.
Wir haben sie mit unserem bestehenden Datenmodell abgeglichen. 91 der 100 Attribute passten unverändert auf vorhandene Eigenschaftstypen. Ein neues geschlossenes Wörterbuch kommt als eine weitere Ansicht hinzu und erzwingt keinen Umbau.
Wo die Norm steht
EN 18223 und ihre Schwesternorm EN 18216, die das konkrete Übertragungsformat definiert, auf das EN 18223 verweist, sind beide harmonisierte Europäische Normen.
Sie gehören zur ersten veröffentlichten Welle des DPP-Sets der CEN/CLC JTC 24: sechs der acht Normen, die verbleibenden zwei, zu Authentifizierung und Zugriffsrechten, sind bisher nicht zitiert. Diese sechs wurden am 15. Juli 2026 durch den Durchführungsbeschluss (EU) 2026/1736 im Amtsblatt der EU zitiert. Das verleiht ihnen den harmonisierten Status und damit die Konformitätsvermutung mit den Artikeln 10 und 11 der ESPR.
Was das für Sie heisst
Nichts davon macht EN 18223 zur falschen Norm. Ihre Länge ist der ehrliche Preis der Interoperabilität in einer Welt, in der nicht jedes Wörterbuch offen ist, und die Norm wird dieser Welt gerecht.
Die Norm ist ein Ausgabeformat, das die Plattform bei Bedarf erzeugt.
Für Transpareo-Kunden bleibt es dabei: kein Umbau, kein Projekt. Die Bedeutung Ihrer Daten liegt vom ersten Speichern an offen vor, und alles Weitere ist Formatierung.
Fragen zu diesem Beitrag
Ist EN 18223 verpflichtend?
Nein. Sie ist eine harmonisierte Europäische Norm, und das gibt eine Konformitätsvermutung, keine Pflicht. EN 18223 und fünf Schwesternormen wurden am 15. Juli 2026 durch den Durchführungsbeschluss (EU) 2026/1736 im Amtsblatt der EU zitiert, wer sie erfüllt, gilt als konform zu den Artikeln 10 und 11 der ESPR. Sie dürfen diese Artikel auch anders erfüllen, müssen das dann aber selbst nachweisen.
Welche der beiden Schreibweisen müssen wir erzeugen?
Beide haben ihren Zweck. Die komprimierte Form ist die Kurzschrift für den Betrieb, sie verwendet das Kennzeichen jedes Werts als Schlüssel und überlässt Wörterbuchverweis und Datentyp dem Nachschlagen. Die erweiterte Form schreibt alles aus, jeder Wert wird zu einem Objekt mit eigenem Kennzeichen, Wörterbuchverweis, Objekttyp, Datentyp und Wert. Welche Form Sie ausgeben, hängt davon ab, ob der Leser Ihr Wörterbuch öffnen kann.
Brauchen wir eine Lizenz für ECLASS oder IEC CDD?
Für den hier beschriebenen Weg nicht. Diese beiden Wörterbücher sind kostenpflichtig und nicht öffentlich, und genau deshalb muss die erweiterte Form die Bedeutung Wert für Wert hineinschreiben. Die Wörterbücher, auf denen Transpareo aufbaut, sind offen veröffentlicht und für jeden nachschlagbar, ein einziger Link trägt also, was ein geschlossenes Wörterbuch ausschreiben müsste.
Warum ist die erweiterte Form so lang?
Weil das aus Bedeutung wird, sobald man nicht mehr davon ausgehen kann, dass der Leser sie nachschlagen kann. Ein Produktpass trägt Bedeutung normalerweise über einen Link, dem der Leser folgt, um nachzuschlagen, was ein Feld bedeutet. Liegt das Wörterbuch hinter einer Bezahlschranke, ist dieser Link für den Leser wertlos, und die Bedeutung muss stattdessen im Dokument selbst mitreisen. So gelesen ist die Länge eine vernünftige Antwort auf geschlossene Wörterbücher und kein Konstruktionsfehler.
Was ändert sich für uns, wenn unsere Daten schon auf offene Wörterbücher verweisen?
Es wird eine Formatierungsaufgabe. Solche Daten tragen bereits jedes Attribut, das das Modell verlangt, einen Verweis auf die Eigenschaft, einen Verweis auf das Wörterbuch, einen Datentyp und die Sprache jedes Werts, nur in eigener Anordnung statt in der Anordnung der Norm. Die Form der Norm daraus zu erzeugen heisst, vorhandene Felder in die Zielform zu bringen, und ist kein Umbauprojekt.
Wie viele der DPP-Normen sind veröffentlicht?
Sechs der acht Normen aus dem Set der CEN/CLC JTC 24 gehören zur ersten Welle und wurden am 15. Juli 2026 im Amtsblatt zitiert. Die verbleibenden zwei, zu Authentifizierung und Zugriffsrechten, sind bisher nicht zitiert. EN 18216, die Schwesternorm, die das konkrete Übertragungsformat definiert, auf das EN 18223 verweist, gehört zu den sechs veröffentlichten.
Zwingt uns ein neues Wörterbuch zu einem Umbau des Datenmodells?
Nicht, wenn die Quelle mehrere Wörterbücher nebeneinander trägt. Wir haben das an der Data Attribute Long List des Battery Pass Consortium in Version 1.3 geprüft, einem dritten Wörterbuch mit eigener Benennung und eigenen Zugriffsstufen, das sowohl von EN 18223 als auch von GS1 abweicht. 91 seiner 100 Attribute passten unverändert auf bereits vorhandene Eigenschaftstypen. Ein neues geschlossenes Wörterbuch kommt als eine weitere Ansicht hinzu.
Heisst konform zu EN 18223, dass unsere Pässe registriert sind?
Nein, das sind zwei verschiedene Dinge. Konformität betrifft Form und Bedeutung des Passes, die Registrierung ist eine eigene Handlung im EU-DPP-Register, das seit dem 20. Juli 2026 unter der Durchführungsverordnung (EU) 2026/1778 in Betrieb ist und dessen technische Schnittstelle noch spezifiziert wird. Nur der Wirtschaftsakteur, der das Produkt in Verkehr bringt, darf registrieren, ein Dienstleister kann das nicht für Sie tun. Transpareo bereitet vor, was der Eintrag verlangt, Produktkennung, Passadresse und Fingerabdruck. Mehr dazu in unserer Einordnung der Register-Verordnung.




