Produktpass: Was Ihr Lieferant für sich behält

Produktpass: Was Ihr Lieferant für sich behält

Ihr Produktpass braucht Angaben aus der Tiefe Ihrer Lieferkette. Ihr Lieferant holt sie bei seinen Lieferanten, ohne Ihnen zu sagen, bei wem. Gerade deshalb kommen sie schneller und genauer an.

Ein T-Shirt Ihrer Marke wird in Gazipur genäht, nördlich von Dhaka. Den Stoff kauft der Konfektionär seit Jahren bei derselben Strickerei, das Garn kommt von einer Spinnerei weiter im Landesinneren.

Für dieses T-Shirt bauen Sie den Digitalen Produktpass auf, den Kleidung in der EU voraussichtlich ab 2029 tragen muss. Ihr Einkauf schickt dem Konfektionär dafür einen Fragebogen: Faserzusammensetzung, Herkunft der Baumwolle und gleich darunter Name und Adresse von Strickerei und Spinnerei.

Der Konfektionär antwortet auf seine Weise. Er ruft die Strickerei an, lässt sich das Zertifikat des Garns als PDF schicken, liest die Anteile ab und tippt sie in Ihr Formular. Die Felder mit den Namen lässt er leer. Wochen später ist die Antwort da, abgeschrieben von jemandem, der die Werte nicht selbst ermittelt hat, und mit diesen Werten soll Ihr Pass erscheinen.

Sie bezahlen für Ihre Daten, und auf dem Pass steht Ihr Name. Dass Sie wissen möchten, woher Ihre Ware kommt, ist verständlich. Wie Sie Ihre Lieferanten direkt aus Transpareo fragen, haben wir schon beschrieben. In diesem Text geht es um einen vermeintlichen Widerspruch: Warum wir unseren Kunden Informationen vorenthalten, damit ihre Produktpässe bessere Daten bekommen.

Ihr Lieferant gibt Ihre Fragen an seine Strickerei weiter, ohne Ihnen zu sagen, an wen, und die Antwort kommt von dem, der sie kennt.

Was der Produktpass aus der Lieferkette braucht

Den Pass stellt Ihre Marke aus. Was für Textilien darin stehen muss, legt ein eigener Rechtsakt zur Ökodesign-Verordnung fest, den die Kommission noch nicht erlassen hat. Erwartet werden Angaben wie die Faserzusammensetzung, die Herkunft der Fasern, die Färbemittel und die Recyclingfähigkeit.

Die meisten dieser Werte kennt ein Betrieb, mit dem Sie keinen Vertrag haben. Die Herkunft der Baumwolle kennt die Spinnerei, die Färbung die Strickerei, und Sie kennen den Konfektionär, dem Sie den Auftrag gegeben haben. Eine Frage zur Baumwolle geht also über Konfektionär und Strickerei bis zur Spinnerei, und die Antwort nimmt denselben Weg zurück, bevor sie im Pass steht.

Liegen die Angaben vor, sind die Pässe in Transpareo in wenigen Minuten veröffentlicht. Die Zeit kostet das Einsammeln, und auf diesem Weg entscheidet sich auch, wie genau Ihr Pass wird.

Jeder Wert im Pass ist so gut wie der Weg, auf dem er zu Ihnen kam.

Wie gut dieser Weg funktioniert, hängt an einer Frage, die Ihr Fragebogen gleich mitgestellt hat: ob Ihr Lieferant seine Bezugsquellen nennen muss.

Geschäftsbeziehungen sind ein Betriebsgeheimnis

Wer seine Strickerei nennt, macht sich ersetzbar. Mit dem Namen könnte die Marke den Stoff in der nächsten Saison selbst bestellen und das Nähen einem günstigeren Betrieb geben. Wenn der Konfektionär schweigt, schützt er sein Geschäft.

Die Forschung zur Unternehmensstrategie beschreibt solche Beziehungen als eigenen Wert. Nach einer viel zitierten Arbeit können die wichtigsten Ressourcen einer Firma über ihre Grenzen hinausreichen, und die Beziehung zwischen zwei Firmen wird so zu einer eigenen Quelle von Wettbewerbsvorteilen.

Fallstudien zeigen, wie gut Lieferanten das wissen. Als eine schwedische Jeansmarke ihre Lieferkette veröffentlichen wollte, gab ein Lieferant die Namen seiner Vorlieferanten nur für den internen Gebrauch heraus, und die Marke erklärte in einer Fallstudie, warum: «They are afraid that we will go straight to the sub-supplier to get a better price» (auf Deutsch: «Sie fürchten, dass wir direkt zum Vorlieferanten gehen, um einen besseren Preis zu bekommen»). In einer Studie zu fünf mehrstufigen Lieferketten sagt ein Hersteller von Backwaren über seine eigenen Lieferanten: «Our suppliers are quite unwilling to reveal the names of their suppliers» (auf Deutsch: «Unsere Lieferanten nennen die Namen ihrer Lieferanten nur sehr ungern»).

Für einen Lieferanten der Jeansmarke, der den grössten Teil selbst herstellte, bestand dieses Risiko nicht. Die Sorge betrifft vor allem Betriebe in der Mitte der Kette, die zukaufen, wie Agenten und Händler. Über solche Betriebe geht eine Frage für den Pass oft, bevor sie die Spinnerei erreicht.

Bezugsquellen gelten im Recht als typische Geschäftsgeheimnisse. Die europäische Richtlinie über den Schutz von Geschäftsgeheimnissen nennt ausdrücklich «Geschäftsdaten wie Informationen über Kunden und Lieferanten». Der deutsche Gesetzgeber zählt in der Begründung zum Geschäftsgeheimnisgesetz «Kunden- und Lieferantenlisten» dazu, und das Bundesverfassungsgericht nennt «Bezugsquellen» und «Konditionen» in derselben Reihe wie Umsätze und Geschäftsbücher.

Was die Lieferkettengesetze daran ändern

Das deutsche Lieferkettengesetz verpflichtet grosse Unternehmen, Risiken für Menschenrechte und Umwelt in ihren Lieferketten zu ermitteln und ihnen vorzubeugen. Die Berichte der Unternehmen darüber prüft die Aufsicht seit Herbst 2025 nicht mehr. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) hat die Prüfung auf Weisung der Bundesregierung eingestellt, und einreichen lassen sich die Berichte auch nicht mehr. Bussgelder hat es schon 2024 keine verhängt, bei 18 eingeleiteten Verfahren und 9 Verwarnungen (Rechenschaftsbericht 2024). Seit Oktober 2025 verhängt es sie nur noch bei schweren Vorwürfen, und Verfahren zu den übrigen Bussgeldtatbeständen stellt es ein. Kontrolliert wird weiter: Von Oktober 2025 bis Juni 2026 hat das BAFA nach Auskunft der Bundesregierung 331 Prüfungen abgeschlossen.

Geändert werden soll das Gesetz auch. Die Bundesregierung hat im September 2025 einen Entwurf beschlossen, der die Berichtspflicht rückwirkend streicht und Bussgelder auf schwere Verstösse beschränkt; verabschiedet war er im Juli 2026 noch nicht. Die Sorgfaltspflichten selbst gelten weiter. In unseren Gesprächen mit Einkäufern hören wir oft, warum man das Lieferkettengesetz trotzdem für gescheitert halten könnte: Kaum ein Lieferant gibt seine Bezugsquellen preis.

Die europäische Gesetzgebung hat das Problem erkannt, dass Lieferanten Angaben über ihr Geschäft nur ungern herausgeben, und ihre Lieferkettenrichtlinie entsprechend gestaltet. Die Richtlinie legt für Unternehmen in der ganzen EU ähnliche Sorgfaltspflichten fest wie das deutsche Gesetz, und jeder Mitgliedstaat muss sie in sein eigenes Recht übernehmen, auch Deutschland. In ihrer im Februar 2026 geänderten Fassung, die ab Juli 2029 gilt, dürfen die erfassten Unternehmen Informationen von Geschäftspartnern nur anfordern, wenn sie erforderlich sind, und bei Partnern mit weniger als 5’000 Beschäftigten nur, wenn sie sich «nach vernünftigem Ermessen nicht auf andere Weise» beschaffen lassen. Auf den meisten Stufen einer Lieferkette zwingt also kein Gesetz einen Lieferanten, seine Bezugsquellen zu nennen. Er nennt sie, wenn es ihm nicht schadet.

Per Mail oder über Transpareo: zwei Wege zur Strickerei

Zwingt ein Werkzeug den Konfektionär, einen Namen zu nennen, fragt er seine Strickerei per Mail weiter, und das Werkzeug bleibt ungenutzt. Diese Runde hat drei Nachteile:

  1. Jede Stufe wartet auf die nächste. Sie bittet um ein Datenblatt, ein Zertifikat oder ein Word-Dokument und antwortet erst, wenn es da ist. So summieren sich die Wochen.
  2. Jede Abschrift macht die Angabe ungenauer. Eine Einheit wird übersehen, ein bengalischer Begriff frei übersetzt.
  3. Die Herkunft eines Werts geht verloren. Am Ende weiss niemand mehr, aus welchem Dokument er stammt, und in den Pass gelangt, was der Letzte in der Reihe verstanden hat.

Gibt der Konfektionär Ihre Fragen in Transpareo weiter, ändert sich das:

  1. Die Antwort kommt schneller. Die Frage liegt bei der Strickerei, sobald der Konfektionär ihr den Link schickt, und niemand wartet auf ein PDF, um es abzuschreiben. Jede Anfrage hat eine Frist, die Sie setzen und bei Bedarf verlängern. Ihr Lieferant sieht, bis wann seine Antwort fällig ist, und gibt er die Frage weiter, setzt er der Strickerei eine Frist, die spätestens mit seiner eigenen endet.
  2. Die Antwort ist genauer. Jede Stufe trägt ihre Werte selbst ein, mit ihrer Einheit, und was sie von unten übernimmt, geht ohne Abschrift in ihre Antwort. Im Pass steht der Wert, den die Spinnerei eingetragen hat, geprüft auf jeder Stufe dazwischen.
  3. Jeder antwortet in seiner Sprache. Die Spinnerei liest Ihre Fragen auf Bengalisch, sofern Bengalisch zu den Sprachen Ihres Arbeitsbereichs gehört. Was sie schreibt, liest die Strickerei in ihrer eigenen Sprache, mit dem Original daneben, und so geht es Stufe für Stufe weiter, bis die Antwort bei Ihnen in Ihrer Sprache ankommt. Mitmachen kann damit jeder Betrieb, auch wenn dort niemand Deutsch oder Englisch schreibt.

Wie Transpareo Ihren Lieferanten schützt

Drei Dinge schützen dabei Ihren Lieferanten:

  • Keine Marke. Ihr Logo und Ihr Name erscheinen auf keiner weitergegebenen Seite, und auf Wunsch verbirgt Ihr Lieferant auch Marke und Produkt. Seine Strickerei sieht dann seinen Namen, ein paar eigene Worte und die Fragen. Könnte eine Frage trotzdem verraten, für wen sie ist, weist ihn das Formular darauf hin.
  • Eine neutrale Adresse. Weitergegebene Anfragen öffnen sich unter einer zufällig gewählten Adresse bei Transpareo, die Ihren Arbeitsbereich nicht nennt.
  • Unser rechtlicher Rahmen. Jede geschäftliche Website in der EU braucht ein Impressum. Damit nicht jeder Betrieb, den eine Anfrage erreicht, erst eines hinterlegen muss, betreibt Transpareo die weitergegebenen Seiten und steht für sie ein: Es gelten unsere Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärung von Transpareo, und am Seitenende steht unser Impressum.

Bei Ihrer Anfrage sehen Sie eine Zahl: wie viele Anfragen darunter weitergegeben wurden, über alle Stufen gezählt. Wer sie bekommen hat und was die Betriebe darunter geantwortet haben, zeigt Ihnen Transpareo nicht. Das kostet Sie Überblick, und wir verstehen jeden, der ihn gern hätte. Wir halten den Preis trotzdem für richtig.

Ihr Lieferant gibt Ihre Frage weiter, weil er dabei nichts preisgibt.

Bei Ihnen kommt eine einzige Antwort an, unter dem Namen Ihres Lieferanten, der für sie einsteht. Ihren Datensatz ändert sie erst, wenn Sie sie Feld für Feld geprüft und übernommen haben.

Was am Ende im Pass steht

Für das T-Shirt heisst das: Faserzusammensetzung und Herkunft der Baumwolle stehen im Pass, eingetragen von der Spinnerei, geprüft von Strickerei und Konfektionär und bei Ihnen in Ihrer Sprache angekommen. Mit der nächsten Veröffentlichung trägt der Pass sie in einer signierten Version, die jeder Leser in seinem Browser prüfen kann.

Verlangt der Rechtsakt für Textilien einen Produktionsbetrieb, nennt Ihr Lieferant ihn in seiner Antwort, und der Betrieb steht im Pass. Bezugsquellen, die der Pass nicht braucht, bleiben bei Ihrem Lieferanten. Mit wem Sie den Vertrag haben, wissen Sie ohnehin.

Dass ein Lieferant die Daten herausgibt, regelt weiterhin Ihr Liefervertrag, und für die Textilindustrie raten wir, den Konfektionär vertraglich zu verpflichten. Die Anfrage sorgt dafür, dass er dabei nichts preisgeben muss, was der Pass nicht braucht.

Probieren Sie es von der anderen Seite: Öffnen Sie im Demo-Konto die Beispielanfrage an einen Lieferanten mit der PIN 123456 und antworten Sie als Konfektionär. Sie sehen die Seite, die Ihr Lieferant sieht.

Fragen zu diesem Beitrag

Sehe ich, wen mein Lieferant gefragt hat?

Nein. Bei Ihrer Anfrage sehen Sie, wie viele Anfragen darunter weitergegeben wurden, über alle Stufen gezählt. Namen, Adressen und die Antworten der Betriebe darunter sehen Sie nicht. Was Ihr Lieferant davon übernimmt, kommt in seiner Antwort und unter seinem Namen zu Ihnen.

Wie verlässlich ist ein Wert im Pass, wenn ich den Betrieb nicht kenne, der ihn eingetragen hat?

Jede Stufe prüft die Antworten der Betriebe, die sie selbst gefragt hat, und steht mit ihrem Namen für das ein, was sie weitergibt. Ihr Lieferant antwortet Ihnen unter seinem Namen, und Sie übernehmen jeden Wert einzeln. Welcher Wert von welchem Lieferanten kam, lässt sich im Verlauf des Produkts nachlesen, und jede veröffentlichte Version des Passes ist signiert.

Wo liegen die weitergegebenen Anfragen?

In Ihrem Arbeitsbereich, denn dort läuft die ganze Anfrage. Ihr Applikations-Manager zeigt sie Ihnen nicht an.

Was ist, wenn der Produktpass einen Produktionsbetrieb verlangt?

Dann steht der Betrieb im Pass, und Ihr Lieferant nennt ihn in seiner Antwort. Die Ökodesign-Verordnung erlaubt den Rechtsakten der einzelnen Produktgruppen, Kennungen weiterer Wirtschaftsteilnehmer und von Standorten zu verlangen. Für sich behält Ihr Lieferant, was der Pass nicht braucht.

Muss mein Lieferant jede Frage beantworten?

Er kann jede Frage aus seiner Antwort weglassen. An seine eigenen Lieferanten gibt er nur die Fragen weiter, die er dafür auswählt.

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