Mitschreiben am Weltstandard: unsere sechs Kommentare zum UN-Transparenzprotokoll

Mitschreiben am Weltstandard: unsere sechs Kommentare zum UN-Transparenzprotokoll

Ein Pass zählt nur, wenn ihn jedes Werkzeug prüfen kann. Die Regeln dafür werden gerade geschrieben, und wir haben sechs Anmerkungen eingereicht. Zwei haben eine Antwort bekommen, eine hat unseren eigenen Prüfer verändert.

Eine Recyclerin in Lyon bekommt eine Batterie auf den Tisch, deren Pass in Zürich ausgestellt wurde. Sie will prüfen, ob die Angaben echt sind, und zwar mit dem Werkzeug, das sie ohnehin benutzt. Nicht mit der Software des Herstellers, nicht mit unserer. Ob das klappt, entscheidet nicht der Hersteller und nicht Transpareo, sondern ein Regelwerk, das gerade geschrieben wird.

Dieses Regelwerk ist das United Nations Transparency Protocol (UNTP) der UN/CEFACT, der entstehende Weltstandard dafür, wie Produktpässe und prüfbare Nachweise aufgebaut, signiert und geprüft werden. Es ist bewusst schlank und herstellerneutral: eine gemeinsame Sprache, auf der verbindliche Regelwerke wie der EU-Produktpass aufsetzen können, statt dass jedes Land und jeder Anbieter sein eigenes Format erfindet.

UNTP hat die Version 0.7.0 in die öffentliche Prüfung gegeben. Bis zur Freigabe der Version 1.0 kann jede Person und jede Organisation über ein offenes Register Rückmeldung geben. Wir haben sechs Anmerkungen eingereicht. Zwei davon haben bereits eine Antwort der Arbeitsgruppe bekommen, und eine hat unseren eigenen Code verändert. Dieser Artikel sagt, was wir angemerkt haben und was das für Ihre Pässe bedeutet.

Das ist nicht zu verwechseln mit der EU-Konsultation, an der wir uns ebenfalls beteiligt haben: dort ging es um das verbindliche DPP-Register der EU-Kommission. UNTP ist die Schicht darunter, der weltweite technische Unterbau, auf den sich das EU-Register und andere Regelwerke stützen können.

Warum wir am Weltstandard mitschreiben

Ein Produktpass, den nur die Software eines einzigen Anbieters lesen und prüfen kann, ist kein Pass. Er ist ein Silo mit besserem Namen. Der Sinn eines DPP ist, dass eine Einkäuferin, ein Recycler oder eine Marktüberwachungsbehörde die Angaben mit irgendeinem passenden Werkzeug überprüfen kann, nicht nur mit unserem. Wo genau diese Passung definiert wird, entscheidet sich im Standard. Wir schreiben lieber daran mit, als ihn später zu erben.

1. Nachweise, die Jahrzehnte überleben (#678)

Das aktuelle UNTP-Profil schreibt vor, dass die Signatur das Dokument von aussen umschliesst, wie ein versiegelter Umschlag um einen Brief. Für einen Pass, der zehn Jahre lang archiviert, gespiegelt und über seinen Fingerabdruck wiedergefunden werden muss, hat die Alternative klare Vorteile: eine Signatur, die im Dokument selbst steht. Sie überlebt jede Weiterverteilung, und eine feste Schreibweise des Dokuments (das JSON Canonicalization Scheme, RFC 8785) liefert einen stabilen Fingerabdruck für die Versionsverfolgung. Wir haben vorgeschlagen, dieses Standardverfahren, die W3C-Cryptosuite eddsa-jcs-2022, als gleichwertige Option zuzulassen. Warum ein Pass überhaupt seinen Aussteller überleben muss und wie Signaturen das leisten, haben wir im Beitrag zu Signaturen und Zertifikaten vertieft.

Diese Anmerkung hat nicht nur eine Antwort bekommen, sie hat unseren eigenen Prüfer verändert. Mit der Transpareo Time Machine 2.0.0 (20. Juni 2026) sind wir von einem reduzierten Eigenprofil auf das Standardverfahren umgestiegen. Damit kann jedes Werkzeug, das den W3C-Standard beherrscht, einen Transpareo-Pass prüfen, nicht nur unser eigenes.

Wir haben die Passung nicht nur gefordert, wir haben sie ausgeliefert.

In derselben Anmerkung haben wir zwei verwandte Punkte angeregt: belastbare Vorgaben, wie lange eine Widerrufsliste erreichbar bleiben muss, mit der Möglichkeit, den Widerruf notfalls aus den Lebensstationen des Produkts zu rekonstruieren; und die Regel, dass jedes Werkzeug denselben Pass gleich anzeigt, ohne mitgelieferte Darstellungsanweisungen.

2. Ein einziger Algorithmus für die ganze Vertrauenskette (#683)

Wie ein Prüfer von der Kennung des Ausstellers über das Ausstellerregister zur Zertifizierung und weiter zur Produktionsstätte gelangt, steht heute in Prosa über mehrere Seiten verteilt, aber nicht als ein einziger Ablauf. Wir haben einen Schritt-für-Schritt-Ablauf für die gesamte Vertrauenskette vorgeschlagen: Nachweis prüfen, Aussteller im Register finden, Konformitätskriterien abgleichen, Produktionsstätte auflösen. Ohne diese eine verbindliche Beschreibung lesen unabhängige Werkzeuge die verteilten Absätze unterschiedlich und kommen zu unterschiedlichen Urteilen darüber, ob ein Pass echt ist. Auch diese Anmerkung hat eine Antwort der Arbeitsgruppe ausgelöst.

3. Gestufte Offenlegung eines einzigen Passes (#679)

Ein regulierter Pass muss mehrere Zielgruppen bedienen: Die breite Öffentlichkeit, berechtigte Interessenten wie Recycler und Behörden sehen je unterschiedliche Ausschnitte desselben Passes, die EU-Batterieverordnung schreibt genau das vor. Wir haben angeregt, diese gestufte Offenlegung als Standardfall erster Klasse zu behandeln, statt sie nachträglich als Verschlüsselung pro Empfänger aufzusetzen.

4. Mehrsprachige Inhalte direkt im Datenmodell (#680)

Menschenlesbare Angaben trägt UNTP heute in einer einzigen Sprache. In regulierten, mehrsprachigen Märkten reicht das nicht: Ein Pass, der in der ganzen EU gilt, braucht seine Texte in mehreren Sprachen zugleich. Wir haben vorgeschlagen, dass ein einzelner Wert alle seine Sprachfassungen trägt. Transpareo liefert Pässe heute in 40 Sprachen aus, diese Lücke spüren wir täglich. Wie wir diese Sprachvielfalt überhaupt bewältigen, beschreiben wir im Beitrag zur KI-Übersetzung.

5. Langzeit-Prüfbarkeit als Architekturfrage (#681)

Verwandt mit dem ersten Punkt, aber grundsätzlicher: Nachweise, Ausstellerkennungen und Widerrufslisten müssen über ein Jahrzehnt hinweg erreichbar bleiben, sonst lässt sich ein alter Pass irgendwann nicht mehr prüfen, obwohl er gültig war. Wir haben um Leitlinien gebeten, wie Schlüssel, Ausstellerkennungen und Widerrufslisten dauerhaft erreichbar gehalten werden. Eine Frage, die sich erst in Jahren stellt und genau deshalb heute in den Standard gehört.

6. Eine Brücke zum EU-Produktpass (#682)

UNTP ist bewusst ein schlanker Pass für den Handel zwischen Unternehmen. Der EU-Produktpass ist ein verbindliches Regelwerk mit eigener Feldliste. Wer beides umsetzt, braucht eine ausdrückliche Abbildung zwischen beiden: ein Profil, das zeigt, wie ein UNTP-Pass die Pflichtfelder eines EU-Passes füllt. An genau dieser Naht arbeiten wir ohnehin täglich, deshalb haben wir die Brücke eingefordert.

Warum wir das machen

Zwei unserer sechs Anmerkungen haben schon eine Antwort, eine hat unseren Prüfer auf das Standardverfahren umgestellt. Damit sitzen wir nicht mehr am Rand, sondern in der Expertenrunde der Arbeitsgruppe für Lieferketten.

Ein Standard wird besser, wenn die Leute mitreden, die Pässe tatsächlich signieren und prüfen, nicht nur jene, die über sie schreiben.

Für unsere Kunden ist das kein Selbstzweck. Je präziser und herstellerneutraler der Weltstandard, desto sicherer bleibt ihre Investition: Ihre Pass-Daten bleiben exportierbar und mit jedem Werkzeug prüfbar, das den Standard beherrscht. Kein Lock-in, kein Format, das mit einem einzigen Anbieter steht und fällt.

Wer mitmachen will

Die öffentliche Prüfung läuft weiter. Alle eingereichten Punkte liegen offen im öffentlichen Register von UNTP. Die Arbeitsgruppe für Lieferketten trifft sich regelmässig per Videocall; die Termine stehen auf der UNTP-Governance-Seite. Wer künftig Produktpässe ausstellen oder prüfen wird, ob Hersteller, Diensteanbieter, Recycler oder Behörde, sollte zumindest einmal über die offenen Punkte lesen. Auch eine kurze, fachlich präzise Rückmeldung trägt.

Und wer einen Transpareo-Pass schon heute unabhängig prüfen will, kann das mit der Transpareo Time Machine tun, seit Version 2.0.0 mit genau dem Verfahren, für das wir im UNTP-Profil geworben haben.

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