Carbon Footprint im DPP: Welche Methode wählen?

Carbon Footprint im DPP: Welche Methode wählen?

Bis zum Werkstor oder bis zur Bahre, Ökobilanz oder Umweltdeklaration - ein pragmatischer Leitfaden zu den CO2-Berechnungsmethoden, die die ESPR akzeptiert.

Zwei Datenblätter liegen auf Ihrem Tisch. Der eine Lieferant gibt für sein Bauteil 5 kg CO2 je Stück an, der andere für ein vergleichbares Bauteil 3 kg. Der Unterschied liegt nicht im Produkt. Er liegt darin, wo der eine aufgehört hat zu zählen: der eine am Werkstor, der andere schon beim Rohstoff.

Genau daran hängt fast alles, wenn ein CO2-Fussabdruck in den Digitalen Produktpass soll. Es gibt sieben etablierte Methoden, die alle seriöse Zertifizierer und Verbände unterstützen, und welche die ESPR verlangt, hängt vom Produkt ab. Dieser Artikel erklärt, worin sich die Methoden unterscheiden, welche Sie für Ihre Produktgruppe brauchen und was Sie heute schon anfragen sollten.

Bis wohin wird gezählt?

Eine CO2-Bilanz ist ohne die Angabe, bis wohin gezählt wird, bedeutungslos. Fachleute nennen das die Systemgrenze. «Produkt X hat einen Fussabdruck von 5 kg CO2eq» ist eine Aussage ohne diese Angabe.

Fünf Kilogramm, gemessen bis wohin?

Die drei etablierten Grenzen:

  • Bis zum Werkstor (cradle-to-gate) - von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor des Herstellers. Transport zum Handel, Verkauf, Nutzung und Entsorgung zählen nicht mit.
  • Bis zur Bahre (cradle-to-grave) - von der Wiege bis zur Bahre. Nutzung und Entsorgung zählen mit.
  • Bis ins Folgeprodukt (cradle-to-cradle) - bis zur Bahre plus die Wiederverwendung des Materials im nächsten Produkt.

Die EU-Batterieverordnung fordert eine Betrachtung über den ganzen Lebenszyklus. Die ESPR wird voraussichtlich je nach Produktkategorie bis zur Bahre zählen lassen (der Entwurf für Textilien zeigt das).

ISO 14040/14044: das Grundgerüst jeder Ökobilanz

ISO 14040 und 14044 sind die Norm für die Ökobilanz (englisch Life Cycle Assessment, LCA). Sie sagen wie man eine Ökobilanz aufsetzt, aber nicht welche Regeln für ein bestimmtes Produkt gelten.

Die Logik:

  1. Zieldefinition und Systemgrenze
  2. Sachbilanz (Input-Output-Analyse: Material- und Energieflüsse)
  3. Wirkungsabschätzung (Umrechnung in CO2eq, Wasserverbrauch, etc.)
  4. Auswertung und Sensitivität

Von einem akkreditierten Ökobilanz-Beratungsunternehmen gerechnet, kostet eine ISO-konforme Studie für ein Produkt typischerweise 10’000 bis 50’000 Euro. Die Berechnung gilt 3 bis 5 Jahre, danach muss aktualisiert werden.

PEF: das Rechenverfahren der EU

Die EU hat mit dem Product Environmental Footprint (PEF) ein eigenes Rechenverfahren entwickelt, damit alle gleich zählen. PEF baut auf ISO 14040/44 auf, legt aber viele Entscheidungen fest:

  • 16 Wirkungskategorien (nicht nur Klima, auch Wasser, Ressourcenverbrauch, Versauerung, etc.)
  • Definierte Berechnungsregeln
  • Defaults für Datenlücken

Für viele Produktkategorien gibt es dazu Produktregeln (PEFCR, Product Environmental Footprint Category Rules). Sie sind die «Klaviernoten» für PEF: die Präzisierung für die jeweilige Produktkategorie. Stand 2026 existieren solche Regeln für Leder, Batterien, Anstriche, Milchprodukte und einige mehr; Textilien und Verpackungen sind in Entwicklung.

Die ESPR setzt auf PEF. Wer heute eine Carbon-Footprint-Berechnung in Auftrag gibt, sollte die Beraterfirma fragen, ob sie PEF-ready liefert.

EPD: die Umweltdeklaration der Bauindustrie

Die Umweltdeklaration (Environmental Product Declaration, EPD, ISO 14025) ist die in der Bauindustrie übliche Form. Auch sie ist eine Ökobilanz, gerechnet nach EN 15804, der Norm für Bauprodukte.

EPDs werden von nationalen Programmbetreibern herausgegeben - in Deutschland etwa IBU, in der Schweiz KBOB. Pro Produkt kostet eine EPD ähnlich wie eine vollständige PEF-Studie, aber die Infrastruktur ist etablierter. Fast jeder Hersteller von Zement, Stahl, Holz hat bereits EPDs.

Die neue Construction Products Regulation (EU) 2024/3110 macht die EPD allerdings nicht zur Pflicht. Der operative Text arbeitet mit den wesentlichen Umweltmerkmalen des Anhangs II, über den Lebenszyklus erklärt und berechnet mit Software, die die Kommission kostenfrei bereitstellt (Art. 15 Abs. 2); EN 15804 taucht nur in den Erwägungsgründen auf, als Quelle der Charakterisierungsfaktoren für diese Software. Für Baustoffhersteller heisst das: Die EPD verschwindet nicht, aber sie ist der Datenvorrat, nicht die Pflicht.

Bis zum Werkstor in der Praxis: die grossen Posten finden

Wenn Sie nicht das vollständige Programm anstreben, sondern pragmatisch bis zum Werkstor rechnen, geht das mit deutlich weniger Aufwand. Die grossen Posten sind meist dieselben:

  • Stahl: ca. 1,85 kg CO2eq pro kg (Primärstahl), 0,3 bis 0,5 kg (Elektrolichtbogen aus Schrott)
  • Aluminium: ca. 12 kg CO2eq pro kg (Primär), 0,5 kg (recycelt)
  • Zement: 0,8 kg CO2eq pro kg
  • Baumwolle: 10 bis 30 kg CO2eq pro kg textile Einheit, je nach Herkunft und Anbau
  • Polyester: 3,5 bis 6 kg CO2eq pro kg

Diese Werte kommen aus Sammeldatenbanken wie ecoinvent. Für einen ersten Aufschlag reicht eine Multiplikation: Materialgewichte mal CO2-Faktor aus der Datenbank. Für das Pflicht-Reporting reicht das nicht, aber es hilft, interne Entscheidungen zu treffen.

Welche Werte muss der DPP zeigen?

Je nach Produktkategorie:

  • Batterien: CO2eq pro kWh Batteriekapazität über den gesamten Lebenszyklus
  • Bauprodukte: die wesentlichen Umweltmerkmale des Anhangs II, über den Lebenszyklus erklärt
  • Textilien (Entwurf): PEF-Wert pro Kilogramm Textilprodukt

Die Einheit ist wichtig. CO2 pro Stück ist meist nicht vergleichbar, weil die Produktgrössen variieren. Deshalb wird immer auf eine Bezugsgrösse gerechnet - kg, m², kWh.

Der häufigste Fehler: Lieferantendaten zu spät anfragen

Die Bilanz eines Endprodukts baut sich zu 70 bis 85 Prozent aus Lieferantenemissionen auf. Wenn Ihr Zulieferer keine Ökobilanzdaten hat, hat Ihr Endprodukt auch keine. Fragen Sie Ihre Top-10-Lieferanten nach Scope-1- und Scope-2-Emissionsdaten jetzt, nicht sechs Monate vor dem ESPR-Stichtag.

Der typische Vorlauf bis zur Datenbereitstellung in einer B2B-Beziehung liegt bei 9 bis 18 Monaten.

Die drei Stufen des Greenhouse Gas Protocol helfen beim Fragen:

  • Scope 1 - die eigenen Emissionen (Verbrennung vor Ort)
  • Scope 2 - die eingekaufte Energie (Strom, Wärme)
  • Scope 3 - alles Vorgelagerte entlang der Lieferkette (oft 70 Prozent und mehr des Gesamtfussabdrucks)

Ihre Lieferanten haben Scope 1 meist im Griff, Scope 2 geht. Scope 3 ist das eigentliche Problem - weil Ihr Scope 3 ihr Scope 1+2 ist. Das kaskadiert die Kette hinauf.

Pragmatische Empfehlung

Wenn Sie sich jetzt überlegen, welche Methode Sie wählen:

  • Bauprodukte: die Merkmale des Anhangs II über die Software der Kommission; eine vorhandene EPD liefert dafür die meisten Daten
  • Batterien: PEF als Arbeitsannahme, bis der Rechtsakt nach Art. 7 die Methode festlegt
  • Textilien, Elektronik, Möbel: PEF als Arbeitshypothese, mit Blick auf die delegierte Verordnung Ihrer Produktkategorie
  • Alles andere: ISO 14044 als Basis und bei Bedarf auf PEF oder EPD umstellen

Was Sie vermeiden sollten: eine hauseigene Methode, die sich hinterher nicht mit dem ESPR-Format deckt. Das produziert doppelte Arbeit.

Welche CO2-Pflicht für Ihre Produktgruppe gilt, und ab wann, steht auf ihrer Seite in unserem Branchen-Nachschlagewerk.

Fragen zu diesem Beitrag

Welche Methode verlangt die ESPR für unser Produkt?

Das hängt von der Produktgruppe ab, und in den meisten Fällen entscheidet es der delegierte Rechtsakt für diese Gruppe. Die ESPR setzt auf den Product Environmental Footprint; PEF mit den Kategorieregeln für Ihr Produkt ist deshalb die sichere Arbeitsannahme für Textilien, Elektronik und Möbel. Batterien folgen ihrem eigenen Rechtsakt nach Art. 7 der Batterieverordnung. Bauprodukte sind die Ausnahme, denn die Verordnung (EU) 2024/3110 arbeitet mit den wesentlichen Umweltmerkmalen des Anhangs II, berechnet mit Software, die die Kommission kostenfrei bereitstellt (Art. 15 Abs. 2).

Muss der CO2-Fussabdruck im Februar 2027 im Batteriepass stehen?

Nein. Der Leitfaden der Kommission vom Juli 2026 führt die Erklärung zum CO2-Fussabdruck und das zugehörige Label unter den Angaben, die am Anfang nicht anzuzeigen sind, weil der Rechtsakt zu Berechnung und Format noch fehlt. Die Pflicht kommt danach gestuft nach Art. 7 - erst die Erklärung, dann die Leistungsklasse, zuletzt ein Höchstwert, jeweils 12 bis 18 Monate nach dem jeweiligen Rechtsakt. Wer vor dem Rechtsakt eine Berechnungsmaschinerie aufbaut, investiert weiterhin zu früh. Die Stichtagsliste steht in Batteriepass - was ab Februar 2027 Pflicht ist.

Zählt eine EPD für den Baupass?

Sie hilft, ist aber nicht das, was die Verordnung verlangt. EN 15804 taucht in der Bauprodukteverordnung nur in den Erwägungsgründen auf, als Quelle der Charakterisierungsfaktoren für die Berechnungssoftware der Kommission; die operative Pflicht sind die über den Lebenszyklus erklärten Merkmale des Anhangs II (Art. 15 Abs. 2). Halten Sie bereits EPDs, tragen deren zugrunde liegende Daten das meiste von Anhang II. Halten Sie keine, planen Sie den Weg der Kommission ein, statt EPDs für eine Pflicht zu beauftragen, die so nicht geschrieben ist. Mehr dazu im DPP für Bauprodukte.

Was kostet eine vollständige Studie und wie lange gilt sie?

Eine ISO-konforme Studie durch ein akkreditiertes Beratungsunternehmen kostet je Produkt typischerweise 10’000 bis 50’000 Euro und gilt drei bis fünf Jahre, danach muss sie aktualisiert werden. Genau deshalb sollte die Methode vor der Beauftragung feststehen, denn ein Wert, der nach einem vom Rechtsakt nicht anerkannten Schema berechnet wurde, muss zweimal bezahlt werden.

Können wir mit cradle-to-gate anfangen und später erweitern?

Ja, als internes Instrument. Materialgewichte mit Faktoren aus einer aggregierten Ökobilanz-Datenbank zu multiplizieren, genügt, um Ihre Hotspots zu finden und Materialentscheidungen zu treffen, und kostet einen Bruchteil einer vollständigen Studie. Für das Pflicht-Reporting reicht es nicht, und die Erweiterung ist auch nicht gratis, denn eine weitere Systemgrenze braucht Nutzungsphase und Lebensende, also neue Daten und nicht nur eine längere Rechnung.

Unsere Lieferanten haben keine Ökobilanzdaten. Was nun?

Das ist der Normalfall und der Grund, jetzt zu fragen. 70 bis 85 Prozent der Bilanz eines Endprodukts stammen von Lieferanten, und der typische Vorlauf bis zur tatsächlichen Datenlieferung in einer Geschäftsbeziehung liegt bei 9 bis 18 Monaten. Fragen Sie Ihre zehn wichtigsten Lieferanten zuerst nach Scope-1- und Scope-2-Werten, denn Ihr Scope 3 ist deren Scope 1 und 2, und das kaskadiert die Kette hinauf. Wo ein Wert noch fehlt, erfassen Sie, was Sie haben, und vermerken die Quelle, statt einen Platzhalter zu erfinden.

Welchen Wert zeigt der Pass und in welcher Einheit?

Die Einheit kommt aus der Produktgruppe, nicht aus der Berechnung. Batterien geben CO2eq je kWh Batteriekapazität über den Lebenszyklus an, Bauprodukte die Merkmale des Anhangs II über den Lebenszyklus, und der Entwurf für Textilien arbeitet je Kilogramm Textilprodukt. Ein Wert je Stück ist selten vergleichbar, weil die Produktgrössen schwanken; deshalb bezieht ihn jedes Schema auf eine funktionelle Einheit.

Was passiert, wenn sich die Methode nach der Veröffentlichung ändert?

Sie veröffentlichen eine neue Version, statt die alte zu bearbeiten. Jede Transpareo-Passversion ist signiert, und die früheren Stände bleiben abrufbar; eine Neuberechnung nach einem neuen Rechtsakt ist damit als datierte Änderung sichtbar und nicht als Wert, der sich still verschoben hat. Die CO2-Felder sind von Anfang an im Pass, leer, bis die Methode für Ihre Gruppe feststeht.

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