«Carbon Footprint im DPP angeben» - das klingt, als müsste man einfach einen CO2-Wert eintragen. In der Realität gibt es sieben verschiedene etablierte Methoden, die alle seriöse Zertifizierer und Industrieverbände unterstützen. Welche die ESPR verlangt, hängt vom Produkt ab.
Ein pragmatischer Überblick, was diese Methoden unterscheidet und welche Sie wann brauchen.
Die Systemgrenzen-Frage
Eine CO2-Bilanz ist ohne Systemgrenze bedeutungslos. «Produkt X hat einen Fussabdruck von 5 kg CO2eq» ist eine Aussage ohne Kontext. Fünf Kilogramm - gemessen bis wohin?
Die drei etablierten Systemgrenzen:
- Cradle-to-gate - von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor des Herstellers. Schliesst Transport zum Handel, Verkauf, Nutzung und Entsorgung aus.
- Cradle-to-grave - von der Wiege bis zur Bahre. Schliesst Nutzungsphase und End-of-Life ein.
- Cradle-to-cradle - cradle-to-grave plus Rezyklatverwendung im Folgeprodukt.
Die EU-Batterieverordnung fordert eine Betrachtung über den Lebenszyklus. Die ESPR wird voraussichtlich je nach Produktkategorie Cradle-to-grave verlangen (Entwurf für Textilien zeigt das).
ISO 14040/14044: das fundamentale Rahmenwerk
ISO 14040 und 14044 sind die Norm für Life Cycle Assessment (LCA). Sie sagen wie man eine LCA aufsetzt, aber nicht welche spezifischen Regeln für ein bestimmtes Produkt gelten.
Die Logik:
- Zieldefinition und Systemgrenze
- Sachbilanz (Input-Output-Analyse: Material- und Energieflüsse)
- Wirkungsabschätzung (Umrechnung in CO2eq, Wasserverbrauch, etc.)
- Auswertung und Sensitivität
Von einem akkreditierten LCA-Beratungsunternehmen gerechnet, kostet eine ISO-konforme Studie für ein Produkt typischerweise 10›000 bis 50›000 Euro. Die Berechnung gilt 3 bis 5 Jahre, danach muss aktualisiert werden.
PEF: die ESPR-Wahl
Die EU hat die Product Environmental Footprint (PEF) entwickelt, um einen einheitlichen Weg zu schaffen. PEF baut auf ISO 14040/44 auf, aber standardisiert viele Entscheidungen:
- 16 Wirkungskategorien (nicht nur Klima, auch Wasser, Ressourcenverbrauch, Versauerung, etc.)
- Definierte Berechnungsregeln
- Defaults für Datenlücken
Für viele Produktkategorien gibt es PEFCR - Product Environmental Footprint Category Rules. Sie sind die «Klaviernoten» für PEF: die Präzisierung für die jeweilige Produktkategorie. Stand 2026 existieren PEFCR für Leder, Batterien, Anstriche, Milchprodukte und einige mehr; Textilien und Verpackungen sind in Entwicklung.
Die ESPR setzt auf PEF. Wer heute eine Carbon-Footprint-Berechnung in Auftrag gibt, sollte die Beraterfirma fragen, ob sie PEF-ready liefert.
EPD: die industrie-etablierte Alternative
Die Environmental Product Declaration (EPD, ISO 14025) ist die in der Bauindustrie dominante Form. Sie basiert auch auf LCA, aber nach EN 15804 (für Bauprodukte).
EPDs werden von nationalen Programmbetreibern herausgegeben - in Deutschland etwa IBU, in der Schweiz KBOB. Pro Produkt kostet eine EPD ähnlich wie eine vollständige PEF-Studie, aber die Infrastruktur ist etablierter. Fast jeder Hersteller von Zement, Stahl, Holz hat bereits EPDs.
Die neue Construction Products Regulation (EU) 2024/3110 macht EPDs für viele Bauproduktkategorien zur Pflicht und koppelt sie an den «Construction Products Passport». Für Baustoffhersteller: die EPD wird nicht verschwinden, sie wird die Grundlage.
Cradle-to-gate in der Praxis: Hotspots identifizieren
Wenn Sie nicht das vollständige Programm anstreben, sondern pragmatisch mit einer Cradle-to-gate-Berechnung starten, geht das mit deutlich weniger Aufwand. Häufige Hotspots:
- Stahl: ca. 1,85 kg CO2eq pro kg (Primärstahl), 0,3 bis 0,5 kg (Elektrolichtbogen aus Schrott)
- Aluminium: ca. 12 kg CO2eq pro kg (Primär), 0,5 kg (recycelt)
- Zement: 0,8 kg CO2eq pro kg
- Baumwolle: 10 bis 30 kg CO2eq pro kg textile Einheit, je nach Herkunft und Anbau
- Polyester: 3,5 bis 6 kg CO2eq pro kg
Diese Werte kommen aus aggregierten Datenbanken wie ecoinvent. Für einen ersten Aufschlag reicht eine Multiplikation: Materialgewichte mal CO2-Faktor aus ecoinvent. Für das Pflicht-Reporting reicht das nicht, aber es hilft, interne Entscheidungen zu treffen.
Welche Werte muss der DPP zeigen?
Je nach Produktkategorie:
- Batterien: CO2eq pro kWh Batteriekapazität über den gesamten Lebenszyklus
- Bauprodukte: PCR-basiertes EPD-Ergebnis, Wirkungskategorien nach EN 15804
- Textilien (Entwurf): PEF-Wert pro Kilogramm Textilprodukt
Die Einheit ist wichtig. CO2 pro Stück ist meist nicht vergleichbar, weil die Produktgrössen variieren. Deshalb wird immer auf eine funktionelle Einheit bezogen - kg, m², kWh.
Der häufigste Fehler: Lieferantendaten zu spät anfragen
Die Bilanz eines Endprodukts baut sich zu 70 bis 85 Prozent aus Lieferantenemissionen auf. Wenn Ihr Zulieferer keine LCA-Daten hat, hat Ihr Endprodukt auch keine. Fragen Sie Ihre Top-10-Lieferanten nach Scope-1- und Scope-2-Emissionsdaten jetzt, nicht sechs Monate vor dem ESPR-Stichtag. Der typische Vorlauf bis zur Datenbereitstellung in einer B2B-Beziehung liegt bei 9 bis 18 Monaten.
Die Greenhouse Gas Protocol Scope-Unterscheidung hilft:
- Scope 1 - eigene direkte Emissionen (Verbrennung vor Ort)
- Scope 2 - indirekte Emissionen durch bezogene Energie (Strom, Wärme)
- Scope 3 - alle anderen entlang der Wertschöpfungskette (oft 70 Prozent und mehr des Gesamtfootprints)
Ihre Lieferanten haben Scope 1 meist im Griff, Scope 2 geht. Scope 3 ist das eigentliche Problem - weil Ihr Scope 3 ihr Scope 1+2 ist. Das kaskadiert die Kette hinauf.
Pragmatische Empfehlung
Wenn Sie sich jetzt überlegen, welche Methode Sie wählen:
- Bauprodukte: EPD (ist ohnehin Pflicht)
- Batterien: PEF (ist ohnehin Pflicht)
- Textilien, Elektronik, Möbel: PEF als Arbeitshypothese, mit Blick auf die delegierte Verordnung Ihrer Produktkategorie
- Alles andere: ISO 14044 als Basis und bei Bedarf auf PEF oder EPD migrieren
Was Sie vermeiden sollten: eine proprietäre Methode, die sich hinterher nicht mit dem ESPR-Format deckt. Das produziert doppelte Arbeit.
